Lugana

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Lugana überschritt die Grenzen seiner Heimat zum ersten Mal dank eines gewissen Herrn Agello. Dieser war weder ein Winzer noch ein Weinerzeuger, sondern ein furchtloser Flugzeugpilot. Man war mitten im Faschismus, und die Chefredakteure der Tageszeitungen waren höflichst aufgefordert worden, ihre besten Korrespondenten nach Desenzano del Garda zu beordern, denn von dieser Stadt aus versuchte Agello den Weltgeschwindigkeitsrekord zu brechen, was ihm einmal sogar gelang. Doch da Agello, wie jeder legendäre Pilot, der etwas auf sich hält, mehr Motoren als Rekorde zertrümmerte, hatten die Journalisten viel freie Zeit zur Verfügung. Sie trafen sich im Hotel Barchetta und stillten ihren Durst aus den am Eingang aufgestapelten Fässern.

Lugana
Wenn es nichts zu berichten gibt, dann erfindet ein tüchtiger Berichterstatter etwas, schon um seiner Redaktion zu beweisen, daß seine Spesen ihre Richtigkeit haben. Und hier lag die „Nachricht“ geradezu vor der Tür, besser gesagt im Glas, sonderlich für den Korrespondenten der Turiner Tageszeitung „La Stampa“, der einige grundlegende Wahrheiten entdeckt hatte: Oft werden die weißen Lugana-Trauben genau wie der Nebbiolo in den Langhe im Oktober gelesen; ließ man wie damals üblich den Most in den Fässern, dann gärte er ein zweites Mal und verwandelte sich in einen wohlschmeckenden Schaumwein, den die Einheimischen „Torbiolino“ nannten (in etwa: Trübling), weil er von der Apfelmilchsäuregärung noch etwas trüb war; zudem konnte man eine ganze Menge davon trinken, ohne am nächsten Tag einen Kater zu haben.

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„Doch schon einige Meter außerhalb seiner Heimatgrenzen, ist der Lugana kein Lugana mehr“ erklärt uns der Direktor des Schutzkonsortiums der Weine der Provinz Brescia, Weinfachmann dieser Appellation und gründlicher Kenner des Lugana-Weines. Bereits vor über vierzig Jahren wurden die ersten Forschungsergebnisse über den Lugana von Dr. Michele Vescia bezüglich der Besonderheit der Trebbiano di Lugana Traube und des daraus resultierenden Weines veröffentlicht.

Eine illustre Runde sitzt in einem kleinen Saal im Restaurant „Vecchia Lugana“: Der Bürgermeister von Sirmione, der eigentlichen „Hauptstadt“ dieses Weines (Lugana ist ein Ortsteil von Sirmione), der Direktor des Schutzkonsortiums sowie sieben der bekanntesten Erzeuger und Journalisten die zuerst nach Gründen für die gegenwärtige Beliebtheit des Weines fragen. Die Diskussion über die Vergangenheit des Lugana geht heiss her: Landbesitz wurde gekauft, Reben wurden gepflanzt und Kapital in einen Wein investiert welcher bis vor kurzem nur von den Einheimischen und deutschen Urlaubern am Gardasee getrunken wurde. Sicher, es ist schon eigenartig, daß diese weißen Trauben so spät reifen, während in der Nachbarschaft die Lese der Friulano-Trauben bereits Ende August beginnt. Zudem ist diese Rebe recht launisch: Auf eine üppige Ernte folgt eine Missernte. So wird auch verständlich warum dieser Wein ebenfalls Rotwein Trinkern schmeckt: Gut gemachter Lugana hat viel Struktur und einen hohen Gehalt an Extrakten – erstaunlich für diesen scheinheiligen Wein, von dem man meint, er sei leicht und kurzlebig.

Überraschend ist auch, daß der Wein jungen Leuten gefällt. Man erzählt uns die Geschichte von zwei jungen Männern, welche in den Weinkeller eines hiesigen Produzenten kamen und nach Lugana fragten. Der Verkäufer – sicher dass die zwei keinen  Cent in der Tasche hätten – rief den Inhaber. Dieser fragte die Leute verlegen, ob sie sich im klaren seien, was der Wein denn koste und wollte wissen wieviele Flaschen sie kaufen wollten. „Achtzehn Kartons…“ entgegnete der eine „… denn das ist der Wein für unsere Parties“. Natürlich ist das nur eine Anekdote, doch sie ist aufschlussreich hinsichtlich des Geschmacks junger Leute: Sobald sie einen angenehmen Wein finden, den sie instinktiv „verstehen“, kaufen und trinken sie ihn. Durch den relativ hohen Säuregehalt ist der Lugana zudem sehr gut zur Schaumweinbereitung geeignet. Es handelt sich um eine raffinierte Spielart jenes Torbiolino, den man in den dreißiger Jahren trank. Die Lugana Produzenten behaupten, es handle sich dabei um einen ehrlichen, italienischen Spumante der nichts imitiert hat und keinerlei Aufzuckerung duldet.

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