Autochthone Weine aus Italien (Teil 3 von 4)

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„Was die Vielfalt seiner Rebsorten angeht, ist Italien eines der reichsten Länder der Erde. In seinen Weinbergen wachsen rund 350 bekannte Varietäten. Einige sind weltberühmt: Nebbiolo und Sangiovese etwa. Aus ihnen werden die grossen piemontesischen und toskanischen Rotweine erzeugt. Andere haben nur regionale oder lokale Bedeutung. Weitere 330 namentlich bekannte Rebsorten existieren nur noch als genetisches Material in Genbanken. Und schließlich gibt es schätzungsweise 1200 Sorten, die noch gar nicht katalogisiert sind, weil von ihnen nur noch einzelne Stöcke existieren. Italien besitzt also einen großen Rebenschatz. Ihn zu erforschen, wird die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein.“

Wie alt muß eine Sorte sein, um als autochthon zu gelten?
Viele italienische Rebsorten sind seit 200 Jahren und länger in bestimmten Gegen- den im Anbau. Reicht das aus, um von Bodenständigkeit zu sprechen? Oder muß eine Rebe 1000, gar 2000 Jahre lang nachgewiesen sein, um als autochthon zu gelten? Die Frage kann weder wissenschaftlich beantwortet noch das Problem per Gesetzesdekret gelöst werden. Entscheidend ist, daß die Sorte seit langer Zeit – in Expertenrunden ist oft von 200 Jahren die Rede – an Ort und Stelle vorhanden ist und sich gegen alle Versuchungen, marktgängigere oder modischere Sorte zu pflanzen, behauptet hat.

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Woher stammen die autochthonen Reben?
Autochthon bedeutet nicht, daß auch der Ursprung der Reben in dem Anbau- gebiet selbst liegen muß, für das sie heute repräsentativ sind. Oft sind sie über Umwege dorthin gelangt. Außerdem wissen wir, daß fast alle Varietäten, die in Italien angebaut werden, aus Griechenland stammen. Griechische und phönizische Kaufleute hatten sie, als sie zwischen 700 bis 300 Jahre v. Chr. den Mittelmeerraum besiedelten, aus ihrer Heimat mitgebracht und in ihren neuen Kolonien in Sizilien und in Süditalien ausgepflanzt. In „Magna Graecia“, wie die Kolonien damals hießen, haben diese Reben ein neues Habitat gefunden und sind, sofern sie den natürlichen Ausleseprozeß bis in die Gegenwart überstanden haben, zu eigenständigen Sorten mutiert.

„Ich glaube, daß eine Rebsorte als autochthon bezeichnet werden kann, wenn die Menschen sie mit einem bestimmten Territorium in Verbindung bringen.“ Angelo Valentino, Weinbauspezialist und Buchautor aus Umbrien

Wo der Ursprung der Reben liegt

Die Rebkultur, die in den letzten 2500 Jahren in Italien entstanden ist, stammt also aus Griechenland. Zwar hat es zur damaligen Zeit auch in Italien Wildreben gegeben, die an Bäumen rankten und aus deren Früchten die Ureinwohner des Landes ein alkoholhaltiges, weinähnliches Getränk herstellten. Doch die Nachkommen dieser Wildreben haben dem biologischen Selektionsdruck der folgenden Jahrhunderte nicht standgehalten. Klimakatastrophen, Schädlingsbefall, Vogelfraß und andere Kalamitäten haben den größten Teil ausgelöscht. Aber auch die von den griechischen Kolonisatoren importierten Reben kamen in Wirklichkeit nicht aus Griechenland. Sie stammten aus Osteuropa und gelangten erst während der Kolonisation der Griechen in den eura- sischen Raum nach Griechenland. Wer das letzte Glied in der Entwicklungsgeschichte der Rebe sucht, gelangt zwangsläufig ans Schwarze Meer und in den Kaukasus. Dort liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit der Ursprung aller vitis vinifera-Reben – also unserer heutigen Weinreben. 7000 Jahre vor Christus war Wein dort bereits ein Genussmittel, und die Trauben, aus denen dieser Wein gekeltert wurde, enthielten jene genetische Codes, wie wir sie heute teilweise in unseren modernen Rebsorten wieder finden.
Wir bedanken uns recht herzlich bei Dr. Jens Priewe sowie dem Italienischen Institut für Aussenhandel für die freundliche Unterstützung.